Digitale Souveränität ist keine Frage einzelner Anwendungen, sondern der Kontrolle über digitale Infrastrukturen, Standards und Abhängigkeiten.
Der Beitrag ordnet ein, welche Verantwortung Staat, Verwaltung und Nutzer dabei tragen – und warum individuelle Entscheidungen allein nicht ausreichen.
Warum digitale Unabhängigkeit kein Randthema mehr ist
Digitale Souveränität beginnt nicht bei der Auswahl einzelner Anwendungen. Sie beginnt bei der Frage, wer Kontrolle über digitale Infrastrukturen, Daten und technologische Entscheidungen ausübt (vgl. Europäische Kommission, Open Source Software Strategy).
In den vergangenen Jahrzehnten haben wenige globale Technologieanbieter zentrale Funktionen unserer digitalen Arbeitswelt geprägt. Diese Konzentration hat Effizienzgewinne ermöglicht, zugleich aber strukturelle Abhängigkeiten geschaffen – technisch, wirtschaftlich und geopolitisch.
Digitale Souveränität beschreibt daher nicht Autarkie oder Abschottung, sondern die Fähigkeit von Staat, Verwaltung, Organisationen und Individuen, ihre Rolle in der digitalen Welt selbstbestimmt, wechselfähig und resilient wahrzunehmen.
Digitale Souveränität als staatliche Aufgabe
Auf staatlicher Ebene wird digitale Souveränität zunehmend als strategisches Ziel verstanden. Sie bedeutet nicht den vollständigen Verzicht auf proprietäre Technologien, sondern die Fähigkeit, Abhängigkeiten zu erkennen, zu steuern und Alternativen offen zu halten.
Open Source wird in europäischen und nationalen Strategien nicht als Ideologie verstanden, sondern als struktureller Hebel, um Vendor-Lock-ins zu reduzieren, Transparenz zu erhöhen und langfristige Kosten- und Sicherheitsrisiken zu begrenzen (vgl. Land Berlin, Open-Source-Strategie).
Der Staat nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein: durch Regulierung, Standardsetzung, Beschaffungspolitik und die Förderung interoperabler, offener Infrastrukturen.
Öffentliche Verwaltung: vom Abhängigen zum Gestalter?
Die Umsetzung digitaler Souveränität zeigt sich besonders deutlich in der öffentlichen Verwaltung. Studien belegen, dass ein Großteil der Verwaltungen stark oder sehr stark von internationalen, außereuropäischen IT-Anbietern abhängig ist. Wechselmöglichkeiten sind häufig durch technische Komplexität, Lizenzmodelle und fehlende Alternativen eingeschränkt (vgl. next:public / Dataport, Souveränitätsbarometer Öffentliche IT 2026).
Mehr als 40 Prozent der Verwaltungen können ihre Fachverfahren und Plattformdienste nur in sehr begrenztem Umfang selbst anpassen oder weiterentwickeln. IT wird dadurch zur Black Box, strategische Steuerung zur Engpassressource.
Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher Wandel innerhalb der Organisationen selbst. Der Wunsch nach moderneren Werkzeugen, effizienteren Prozessen und mehr Gestaltungsspielraum kommt zunehmend von den Mitarbeitenden der Verwaltung (vgl. next:public, Barometer Digitale Verwaltung 2023). Digitale Souveränität ist damit nicht nur eine technologische, sondern ebenso eine organisatorische und kompetenzbezogene Herausforderung.
Institutionelle Antworten: Standardisierung statt Einzelentscheidungen
Vor diesem Hintergrund gewinnen institutionelle Antworten an Bedeutung. Mit der Gründung des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS) und der Entwicklung von openDesk (als Alternative zu z.B. Microsoft 365) existieren koordinierte Ansätze, digitale Souveränität nicht projektweise, sondern systematisch umzusetzen.
Nicht die einzelne Anwendung steht dabei im Vordergrund, sondern ein offenes, modulares Arbeitsumfeld auf Basis offener Standards und austauschbarer Komponenten. Dass bereits mehrere zehntausend Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung auf dieser Grundlage arbeiten, zeigt: Digitale Souveränität ist keine theoretische Zielvorstellung mehr, sondern beginnt, operative Realität zu werden.
Und die Endnutzer?
Auch Unternehmen, Organisationen und private Nutzerinnen und Nutzer verfügen über Handlungsspielräume. Alternativen zu etablierten Plattformen existieren ebenso wie Initiativen, die beim Wechsel unterstützen.
Gleichzeitig wäre es verkürzt, digitale Souveränität allein auf individuelle Tool-Entscheidungen zu reduzieren. Ohne staatliche Rahmenbedingungen, interoperable Standards und institutionelle Vorarbeit bleibt individuelle Souveränität aufwendig, fragmentiert und schwer skalierbar.
Fazit: Digitale Souveränität ist ein Gemeinschaftsprojekt
Digitale Souveränität entsteht nicht durch den Austausch einzelner Anwendungen. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von politischem Willen, administrativer Umsetzung, technischer Kompetenz und informierten Entscheidungen.
Der Staat schafft den Rahmen, die Verwaltung setzt Standards und skaliert Lösungen. Organisationen und Endnutzer nutzen die entstehenden Handlungsspielräume. Open Source ist dabei ein wichtiges Werkzeug – aber kein Selbstzweck.
Quellen und weiterführende Informationen
- Europäische Kommission: Open Source Software Strategy.
- Land Berlin: Open-Source-Strategie für das Land Berlin – Digitale Souveränität und Innovationskraft stärken.
- next:public (2023): Barometer Digitale Verwaltung.
- next:public / Dataport (2026): Souveränitätsbarometer Öffentliche IT.
- IT-Planungsrat (2021): Strategie zur Stärkung der Digitalen Souveränität der Öffentlichen Verwaltung.
Dieser Beitrag ist Teil einer dreiteiligen Reihe zur digitalen Souveränität.
- Blog 1 – Rahmen & staatliche Ebene
- Blog 2 – Macht der Plattformen & Nutzerverhalten
- Blog 3 – Konkrete Handlungsoptionen für Endanwender